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    28-09-2018

    Die verkannte Gefahr, wenn die Seele leidet

    Immer wieder gibt es Nachrichten, die um die Welt gehen und die Menschen erschüttern. Grausame Terrorakte sind ein Teil davon, aber auch der Tod von Musikern und Schauspielern bewegt die Menschen. Es wird auf das Leben zurückgeblickt, das aufgrund der öffentlichen Stelle auch dementsprechend bekannt ist. Neben Krankheit und schlicht Alter sind auch Selbstmord oder eine Überdosis Drogen dafür verantwortlich. In diesen Fällen kommen häufig persönliche Probleme ans Tageslicht, die jedem von uns auch bekannt sind, aber durch das Rampenlicht verstärkt wurden: Eine Affäre wird in der Klatschpresse ausdiskutiert, ein Kleider-Faux-Pas auf dem Roten Teppich das Gesprächsthema der nächsten Woche und häufig genug quälen auch berühmte Personen Selbstzweifel, die mit Alkohol oder Drogen bekämpft oder betäubt werden sollen. Immer häufiger sprechen diese Personen schließlich über ihre Probleme, um die Öffentlichkeit auf die mentale Gesundheit aufmerksam zu machen.

    Alle Plattformen für mehr Aufmerksamkeit nutzen
    Dieser Artikel soll in keinem Fall ein repräsentativer Bericht sein, dafür sind die Gründe und individuellen Situationen zu vielfältig. Es soll nur ein Denkanstoß gegeben werden. Ähnlich verhielt es sich mit der Netflix-Serie „Tote Mädchen Lügen Nicht“ („13 Reasons Why“ im Original). Die Darstellung mag diskussionsbedürftig sein, auch die Vielzahl an schweren Schicksalsschlägen, die einen kleinen Kreis von Personen betreffen, fühlen sich zu sehr nach Hollywood und künstlich aufgebauschtem Drama an. Dennoch gibt es solche Situationen im wirklichen Leben, 35 Prozent der Frauen erleiden sexuelle oder körperliche Gewalt, an 48 Prozent der Schulen mobben Jugendliche verbal, teilweise auch körperlich, einen Mitschüler und erkennen vielleicht erst Jahre später oder vielleicht auch nie, was sie getan haben. Denn diejenigen, die gemobbt wurden, haben auch noch viel später mit den Folgen zu kämpfen: geringes Selbstbewusstsein, Selbstzweifel… Auch wenn die Netflix-Serie nicht unbedingt ideal ausgeführt wurde und auch in der Kritik steht, Selbstmordversuche zu inspirieren, hat sie dennoch dafür gesorgt, dass diese wichtige Thema rund um unsere psychische Gesundheit verstärkt Teil der gesellschaftlichen Diskussion geworden ist.

    Stars sind auch nur Menschen – und leiden
    Auch verschieden Schauspieler und Sänger sprechen vermehrt über ihre persönlichen Erfahrungen. So verarbeitet der Sänger Dan Reynolds von Imagine Dragons im Lied „Demons“ seine Depressionen, an denen er unter anderem leidet. Amy Winehouse schrieb über die Aufenthalte in Entzugskliniken, bis sie an einer Alkoholvergiftung starb und wie auch Kurt Cobain in den Klub 27 einging. Auch Schauspieler, die wir für ihre lustigen Rollen lieben, haben abseits des Medienrummels mit Depressionen zu kämpfen, beispielsweise Robin Williams oder Jim Carrey.

    Verkannt in der Gesellschaft
    Wer jetzt allerdings denkt, dass dies nur die Schattenseiten des Ruhms sind, irrt gewaltig. Weltweit wird eine Zunahme an Personen verzeichnet, die aus verschiedenen Gründen an Depressionen leiden. Ebenso setzt den Deutschen Stress am Arbeitsplatz zu, sodass immer mehr unter Burn-out leiden. Betroffene haben nicht nur mit ihren persönlichen Problemen zu kämpfen, sondern stehen auch noch unter dem Druck der Gesellschaft, Versager zu sein. Häufig wird eine Depression nicht ernst genommen, vielmehr wird es fehlender Selbstdisziplin zugeschrieben und Ratschläge, dass man sich einfach zusammenreißen solle, kommen von vielen Seiten. Daher fühlen die Betroffenen zusätzlich noch Scham, die sie davon abhält, die nötige ärztliche Versorgung in Anspruch zu nehmen. Entgegen dieser Meinungen sind die Betroffenen nämlich nicht schwach, sondern im Gegenteil häufig mental sogar viel stärker: Täglich stellen sie sich ihren Dämonen und versuchen, ihrem Beruf nachzukommen und ein Familienleben zu führen, mal mit leider weniger und mal mit glücklicherweise mehr Erfolg.

    Die Rettungsleine
    Wenn berühmte Persönlichkeiten nun also über Depressionen sprechen und Geschichten mit diesem Thema verfilmt werden, rückt das Thema in den Fokus der Öffentlichkeit. Die Auslöser für Depressionen sind dabei, wie schon erwähnt, vielfältig und komplex (von starkem Liebeskummer über zerstörerische Selbstzweifel bis zu körperlich überlebten Traumata) und in der Wissenschaft noch nicht ausreichend erforscht. Dies bedeutet für Betroffene ebenfalls ein ungeklärtes Warten. Wenn Sie durch nichts mehr Freude empfinden, Ihnen wirklich alles egal ist und Sie keinen Antrieb haben, sich schuldig und hoffnungslos fühlen oder sogar an Suizid denken, ist es wichtig, dass Sie sich jemandem anvertrauen. Ist niemand in ihrem Umfeld, dem Sie dies anvertrauen möchten oder Sie wollen an sich nicht mit einer bekannten Person darüber sprechen, sollten Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Je nach Krankenkasse werden möglicherweise Therapiestunden übernommen. Um Hilfe zu bitten, ist kein Eingeständnis von Schwäche, sondern von Stärke. So abgedroschen es klingen mag, haben Sie doch schließlich erkannt, dass es Schwierigkeiten gibt und dass Sie etwas dagegen tun möchten. Dabei Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist häufig sinnvoll. Sollten Sie nicht gleich zu einem Therapeuten gehen wollen, kann es sich lohnen, mit einem neutralen Dritten zu sprechen. So können Sie bei der Telefonseelsorge bundesweit kostenfrei anrufen, aber eine Kontaktaufnahme ist auch per E-Mail und Chat oder vor Ort möglich. Für Studierende gibt es in verschiedenen Städten ebenfalls die Nightline. In diesen Fällen hört Ihnen jemand vorurteilsfrei zu, kann auf Wunsch beraten oder an professionelle Einrichtungen verweisen. Als Angehörige oder Freunde sollten Sie nach Möglichkeiten keine halben Vorwürfe aussprechen, dass die Betroffenen selbst schuld seien oder sich nicht so anstellen sollten, sondern unterstützen, wo Sie können. Auch wenn die Behandlung weiterhin ein täglicher Kampf sein wird, ist es dies dennoch Wert.

    Foto: pxhere

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